Free Beer Version 3.0

Auf ein neues Urheberrecht

Jeder, der schon einmal versucht hat, Bier selbst zu brauen, weiß, was das für eine riesige Sauerei ist, und dass das Bier meist nicht schmeckt. Genaue Mengen und genaue Temperaturen müssen eingehalten werden und dann braucht man auch noch viel Zeit. Das Free Beer wird aber nicht auf dem heimischen Herd in irgendeiner dänischen Küche gebraut, sondern von der kleinen Brauerei Bryggeriet Skands [1] in Brøndby. Verkauft wird es zurzeit ausschließlich in Kopenhagen [2].

Enthält Guarana und schmeckt: Free Beer Version 3.0.

Enthält Guarana und schmeckt: Free Beer Version 3.0.

„Natürlich ist das kein Freibier“, sagt Henrik Moltke, Sprecher der Künstlergruppe Superflex. „Wir wollten den Gedanken von Open Source, der bisher immer auf Software beschränkt war, auf ein physisches Projekt anwenden.“ An der IT-Universität trafen sie auf einen Hobbybrauer, der zusammen mit Studenten gerade ein Bierrezept entwickelte. Das Ergebnis der Zusammenarbeit war „Vores Øl“, die Version 1.0. Allerdings ist es rechtlich nicht möglich, ein Bier frei zu lizenzieren. Deshalb ist das Rezept die Grundlage des ganzen Projekts, besser gesagt, die Rezepte, denn inzwischen sind es vier, allesamt frei zugänglich [3]. Da Rezepte aber nicht geschützt werden können, gilt im Verbund mit dem Branding die Creative-Commons-Attribution-ShareAlike-Lizenz [4]. Das heißt: Das Rezept darf verbreitet und vervielfältigt werden. Außerdem kann der Inhalt kommerziell genutzt werden, allerdings nur unter Namensnennung und Weitergabe unter gleichen Bedingungen. Letzteres heißt, neu entstehende Inhalte dürfen nur unter Verwendung identischer Lizenzbedingungen weitergegeben werden.

Diese Rechtspraxis, die in der Open-Source-Community schon lange angewendet wird, ist zunehmend auch für andere Bereiche relevant, in denen das Urheberrecht zuständig ist. Der Softwarebereich ist exemplarisch: Ging es früher hauptsächlich darum, dass technisch versierte Fachleute für sich und ihresgleichen spezielle Anwendungen entwickelten, wächst heute Open Source über seine eigenen Grenzen hinaus. Die Community ist sich nicht mehr selbst genug und wird stattdessen ernst zu nehmender Dienstleister mit spezifischen Lösungen für die verschiedensten Anwendungsbereiche. Inzwischen stellen ganze Kommunen zunehmend auf Open Source um, Online-Shops basieren auf TYPO3 und klassische Software-Anbieter beginnen zu schwitzen.

In dieser Situation erscheint das altbewährte deutsche Urheberrecht nicht mehr zeitgemäß. Seit einiger Zeit wird heftig über die Änderung der Paragrafen diskutiert. Und während viele um ihr Auskommen aus den ihnen zustehenden Rechten als Urheber fürchten, zeigt sich immer mehr, dass das gültige Recht vielen guten Ideen den Weg zur erfolgreichen Vermarktung erschwert. Das gilt zum Beispiel auch für die Musik: Die kanadische Band Arcade Fire hätte es wahrscheinlich nie in die Charts geschafft, wenn sie nicht selbst ihre Songs als MP3-Dateien aktiv im Internet verbreitet hätte. Für die großen Musiklabels war ihre Musik viel zu abwegig, der kommerzielle Erfolg auf dem althergebrachten Weg völlig undenkbar.

Einer der Vordenker der „Creative Commons“ ist Lawrence Lessig. Der Professor an der Stanford Law School wollte mit seiner Idee dem Urheberrecht ein alternatives Modell entgegensetzen. Musiker, Fotografen, Filmemacher und Autoren können auf Grundlage der alternativen Lizenzen freiwillig auf einen Teil ihrer Rechte verzichten. Sie können beispielsweise die Verbreitung zu nicht-kommerziellen Zwecken oder die Änderung ihrer Werke explizit erlauben. Die Idee der Creative-Commons-Lizenzen hat sich inzwischen schnell verbreitet. Schon im Dezember 2005 fand sich ein kleines graues Logo auf über 45 Millionen Internetseiten – Tendenz steigend. Mit einem Klick auf das Logo wird die jeweilig gewählte Lizenz sichtbar. Aus mehreren Möglichkeiten lässt sich die für die eigene Arbeit sinnvollste Lizenz auswählen. Auf der deutschen Website von Creative Commons finden sich viele weitere Informationen zu den verschiedenen Lizenzierungsmodellen in Deutschland [5].

Zurück zum Bier: Ganz im Sinne des Open-Source-Gedankens wäre es schön, wenn sich auch in Deutschland Free-Beer-Entwickler finden würden, damit es bald auch hier erhältlich ist. Immerhin müssten es nicht selbst gebraut werden: Jede Brauerei kann das Bier herstellen, solange sie nicht die Credits und die Lizenz auf dem Aufkleber vergisst. Das dänische Vorbild schmeckte der Redaktion jedenfalls sehr gut, trotz oder vielleicht gerade wegen des Guaranas.

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