„Wir waren von Open-Source-Shops frustriert“
Roy Rubin und Yoav Kutner über den neuen Open-Source-Shop Magento
T3N Magazin: Herr Rubin, Sie sind Geschäftsführer von Varien, dem Unternehmen hinter Magento. Wie lange gibt es Ihr Unternehmen und was machen Sie?
Roy Rubin: Die Firma gibt es seit 2001. Gestartet sind wir als traditionelle Webdesign- und Entwicklungs-Firma und haben uns in den letzten drei Jahren auf den Bereich E-Commerce mit Open Source spezialisiert. Wir haben uns zu einer der führenden amerikanischen Agenturen in diesem Bereich entwickelt und sind in den letzten zwei Jahren stark gewachsen, um die Nachfrage unserer Kunden befriedigen zu können.
T3N Magazin: Welche Gründe haben Sie bewogen, ein System wie Magento komplett neu zu entwickeln?
Roy Rubin: Wir waren von den existierenden Open-Source-E-Commerce-Lösungen frustriert und mussten feststellen, dass wir an einem Punkt angelangt waren, an dem wir unseren größeren Kunden mit den vorhandenen Open-Source-Lösungen keine ausreichend robusten Systeme erstellen konnten. Gleichzeitig hatten wir das Gefühl, dass wir einerseits das richtige Team haben, um ein Projekt wie Magento zu beginnen und andererseits die nötigen Ressourcen bereitstellen können, um ein marktführendes Produkt zu entwickeln.
T3N Magazin: Wann war das? Wie lange entwickeln Sie Magento schon?
Roy Rubin: Wir haben Anfang 2007 damit begonnen, Magento zu entwickeln.
T3N Magazin: Es ist nicht üblich, dass Webagenturen eine Software wie Magento entwickeln und diese dann unter einer Open-Source-Lizenz veröffentlichen, anstatt sie für sich zu behalten. Wie kam es dazu?
Roy Rubin: Das ist eine Frage der Philosophie. Wir waren sehr erfolgreich damit, Support und Service für Open-Source-Produkte anzubieten und hatten das Gefühl, nicht nur für die Benutzer einen Mehrwert schaffen zu können, sondern auch für Varien und seine Partner. Wir glauben, dass rund um Magento ein Ökosystem entstehen kann, das für alle Parteien von Vorteil ist, also für uns als Eigentümer sowie für Partner und Kunden. Die Entscheidung, Magento als Open Source zu veröffentlichen, erscheint mir sinnvoll – die Community und der Markt begrüßen diesen Schritt.
T3N Magazin: Wie viel Geld haben Sie in die Entwicklung von Magento investiert und wie sieht Ihr Plan zur Refinanzierung aus?
Roy Rubin: Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: Magento wird von Varien selbst finanziert und bis dato ist ein Betrag im mittleren sechsstelligen Bereich investiert worden.
T3N Magazin: In einem Beitrag im Forum der Magento-Website wurden Sie auf eine mögliche Enterprise-Version angesprochen, worauf Sie sich zurückhaltend geäußert haben. Wie könnte sich eine Enterprise-Version von der Standard-Version Magentos unterscheiden?
Roy Rubin: Wir haben das noch nicht definiert. Generell würde eine Enterprise-Version natürlich auf einem Enterprise-Markt verkauft werden und eine große Support-Komponente sowie eine optimierte Codebasis beinhalten. Außerdem müsste eine Enterprise-Version dazu in der Lage sein, sich in bestehende Systeme und Infrastrukturen von Unternehmen zu integrieren.
T3N Magazin: Haben Sie mit einer solch positiven Resonanz der Community und der Presse auf die Magento-Betaversion gerechnet?
Roy Rubin: Das kam vollkommen unerwartet und überraschend. Wir wurden von hunderten Personen und Unternehmen aus aller Welt kontaktiert, die sich an dem Projekt beteiligen wollten. Die Frustration über bestehende Open-Source-E-Commerce-Lösungen ist scheinbar auf der ganzen Welt vorhanden. Wir hoffen, dass Magento den Erwartungen gerecht werden kann.
T3N Magazin: Herr Kutner, Sie sind als CTO bei Varien maßgeblich für die technische Realisierung von Magento verantwortlich. Welche technischen Ziele hatten Sie, als Sie anfingen Magento zu programmieren?
Yoav Kutner: Varien ist ein LAMP-Unternehmen, daher war es für uns selbstverständlich, PHP als Skriptsprache und MySQL als Datenbank für Magento zu wählen. Wir wollten, dass sich Magento weit verbreitet und eine große Community rund um das Projekt entsteht. Da PHP heutzutage die meist genutzte Skriptsprache für Webandwendungen ist, war die Entscheidung für PHP noch einfacher. Die Tatsache, dass PHP und MySQL von nahezu jeder Hosting-Firma angeboten werden, sollte der Verbreitung von Magento zugute kommen. Die Entscheidung, PHP 5 zu nutzen, fiel vor allem deshalb, weil wir für Magento eine objektorientierte Architektur einsetzen wollten. PHP 4 hätte uns nicht das Level an objektorientiertem Design erlaubt, das wir für Magento benötigten. Die Entscheidung stellte sich im Nachhinein als richtig heraus, als das PHP-Entwicklungsteam Mitte Juli 2007 das Ende von PHP 4 ankündigte. Nutzern von PHP 4 bieten wir trotzdem die Möglichkeit, Magento zu nutzen. Hierzu muss PHP5 als CGI-Binary installiert werden. Wir erwarten, dass PHP 5 für Magento-Nutzer in Zukunft noch zugänglicher wird, wenn mehr Provider PHP 5 unterstützen. Obwohl Magentos Architektur datenbankunabhängig ist und theoretisch jede Datenbank genutzt werden kann, zum Beispiel PostgreSQL, MSSQL oder Oracle, haben wir uns für MySQL 4.1 entschieden, um die Einstiegshürde für Magento-Nutzer möglichst niedrig zu halten. In Zukunft planen wir, auf MySQL 5 zu setzen, um Funktionalitäten wie Views, Triggers und Stored Procedures nutzen zu können. Ein weiteres Ziel war eine modulare Architektur, die es Anwendern ermöglicht, das System um gewünschte Funktionalitäten zu erweitern und bestehende Module anzupassen, ohne dabei die Upgrade-Fähigkeit oder die Möglichkeit zu verlieren, dem System neue Module hinzuzufügen.
T3N Magazin: Woran haben Sie sich bei der technischen Modellierung orientiert? Gab es eine Software, die Sie als Vorbild ansehen?
Yoav Kutner: Magento ist das Ergebnis vieler Stunden an Konzeption und Überlegungen unseres Entwicklungsteams. Wir haben uns viele Applikationen angesehen, um von Vor- und Nachteilen anderer Open-Source-Programme zu lernen. Wir haben dabei auch unsere eigenen Erfahrungen im E-Commerce-Bereich herangezogen. Letztendlich entstand daraus unserer Meinung nach in Bezug auf Flexibilität und Modularität eine einzigartige, bahnbrechende Applikation.
T3N Magazin: Wieso haben Sie sich für Zend Framework als Basis von Magento entschieden? Wo liegt Ihrer Meinung nach der Vorteil gegenüber anderen Frameworks, auch solchen ohne PHP, etwa Ruby on Rails?
Yoav Kutner: Wie viele andere Webagenturen und speziell als PHP-affine Firma haben wir lange nach einem guten Framework gesucht und mit vielen existierenden herumprobiert, sind aber immer wieder zu der Erkenntnis gekommen, dass es Beschränkungen beim Support oder der Anpassungsfähigkeit gibt. Wir haben viele Jahre lang unser selbstentwickeltes Framework benutzt, um unsere Applikationen zu bauen. Für Magento wollten wir ein Framework, hinter dem ein Unternehmen mit professionellem Support steht, das aber trotzdem die Vorteile einer großen Open-Source-Community besitzt. Nachdem Zend sein Projekt Zend Framework ankündigte, fiel uns die Entscheidung leicht. Wir fanden während der Entwicklung von Magento sogar Fehler am Zend Framework, die dann sofort vom Zend-Team gefixt wurden. So konnten wir Magento ohne Zeitverlust weiterentwickeln. Nachdem wir uns mit einigen wichtigen Mitarbeitern von Zend getroffen und mehr über ihre Absicht erfahren haben, Zend Framework quasi zu einem PHP-Industriestandard zu machen, waren wir davon überzeugt, dass Zend Framework weiter wächst und Magento von neuen Funktionen und einer soliden Codebasis profitiert. Anders als bei anderen starren Frameworks erlaubt es uns die „Use-at-will“-Architektur von Zend Framework, nur benötigte Funktionalitäten zu nutzen, zum Beispiel ACL, Zend Locale oder Zend Translate und unsere selbst entwickelten Magento-Funktionen hinzuzufügen. Ein weiterer Entscheidungsgrund war die Lizenz des Zend Framework. Sie erlaubt es sowohl Varien als auch der gesamten Magento-Community, ihre Applikationen zu erweitern und anzupassen, ohne sich um Lizenz-Belange Sorgen machen zu müssen.
T3N Magazin: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Hauptvorteile von Magento gegenüber anderen Open-Source-E-Commerce-Lösungen?
Yoav Kutner: Da fallen mir viele ein (lacht). Zunächst mal ist Magento ein professionelles Open-Source-Projekt, das wie Zend Framework ein sehr engagiertes Unternehmen hinter sich hat. Bei Varien haben wir gelernt, dass es keine Standardlösung für E-Commerce-Produkte gibt. Unterschiedliche Branchen haben unterschiedliche Anforderungen. Magento ist daher sehr flexibel und anpassbar, nicht nur im Code, sondern auch im Design, sodass jeder Magento-Shop auf die Kundenbedürfnisse zugeschnitten werden kann. Mit Magento haben viele Low-Budget-Shop-Betreiber nun die Möglichkeit, Funktionen kostenlos zu nutzen, die bisher nur großen, teuren Systemen vorbehalten waren. Magentos objektorientierte Architektur erlaubt eine einfache Konfiguration der Hauptfunktionen, lässt aber dennoch Upgrades und das Hinzufügen neuer Module zu, selbst nachdem die lokale Installation angepasst wurde, da lokale Anpassungen vom Kern getrennt sind. Der Standard-Funktionsumfang, mit dem Magento ausgeliefert wird, ist enorm. Funktionen wie eine Navigation nach Produktkriterien, Multi-Shop-Unterstützung, Produktvergleiche, multiple Lieferadressen sowie flexible Produktpreise und -rabatte bietet Magento gratis out-of-the-box. Magentos einfach zu handhabendes Template-System erlaubt es, jedes denkbare Design zu realisieren, sodass jeder Shop sein einzigartiges Look & Feel haben kann. Nutzt man Magentos Theme-Unterstützung, so kann ein Shop sein Design je nach Saison oder sogar je nach Produkt ändern. Auch auf Skalierbarkeit wurde geachtet. Die Architektur von Magento unterstützt das Aufsetzen von Server- und Datenbank-Clustern, sodass dafür kein anderes Programm benötigt wird und man sich keine Sorgen machen muss, dass Magento den Anforderungen nicht mehr genügt, wenn der Shop wächst. Nicht zuletzt werden die Magento-Nutzer von der großen, weltweiten Community profitieren, die sich jetzt schon rund um Magento entwickelt hat. Die Community ist schon dabei mitzuwirken, indem sie Magento in viele Sprachen adaptiert und übersetzt. Von Magento Connect, einem Marktplatz für Produkte und Dienstleistung rund um Magento, erhoffen wir uns darüber hinaus, dass er zur Entwicklung und Verbreitung von Modulen beträgt, die den Funktionsumfang, die Themes, das Design-Paket und vieles mehr von Magento erweitern.













